Meisterwerk im U-Boot-Bunker

Johann Kresnik schockiert und gedenkt mit Karl Kraus

 

Das zentrale Theater am Goetheplatz liegt in der Bremer Innenstadt. Doch für ein epochales Werk hat sich der Regisseur für eine andere Spielstätte entschieden: einen ehemaligen U-Boot-Bunker am Stadtrand, nahe der niedersächsischen Landesgrenze. Im Stadtteil Farge, 28 Kilometer flussabwärts Richtung Bremerhaven, liegt das 450 Meter lange, 70 Meter breite und 30 Meter hohe Ungetüm. Hitlers Reichsmarine taufte es auf den heiligen Namen „Valentin“. Doch erinnert ein Denkmal vor dem Eingang ins heutige Bundesmarinedepot an die schreckliche Zeit zwischen 1943 und 1945, wo bis zu 12.000 Menschen ihre Knochen für den Bau hinhalten mussten und 4.000 es nicht überlebten. Es ist ein Ort des Grauens, und nur zu symbolisch begrüßen krächzende Krähenschwärme die mit dem Schiff herbeikutschierten Theaterbesucher.

Im Bunker ist es kalt. Überall tropft es durch die massive Decke aus Beton. Die Löcher erinnern an Bombenangriffe englischer und amerikanischer Flieger, die die Inbetriebnahme gegen Kriegsende verhindern konnten. Nur hier, sagt Regisseur Kresnik, kann die Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog von Karl Kraus angemessen wiedergegeben werden.

 

„Die letzten Tage der Menschheit“ basiert in großen Teilen auf Glossen, Essays, Aphorismen und Gedichten, die Kraus in seiner Zeitschrift ‚Die Fackel’ veröffentlicht hatte. 220 Szenen, in denen mehr als ein halbes Tausend Figuren auftreten, umfaßt das Drama. Das Geschehen des Ersten Weltkriegs erscheint als Mosaik von Wirklichkeitsausschnitten, deren verbindendes Element allein die allenthalben entfesselte Unvernunft ist. Mehr als ein Drittel des Tragödientextes ist aus Zitaten montiert, die Zeitungsmeldungen, Leitartikeln, militärischen Tagesbefehlen, Verordnungsblättern, Gerichtsurteilen, kommerziellen Anzeigen und Gedichtsammlungen entnommen wurden. Es gibt in diesem Drama weder Handlung noch Entwicklung im traditionellen Sinn; das Szenenkonglomerat, für das ursprünglich der Untertitel „Angsttraum“ vorgesehen war, bietet sich vielmehr dar als kreisende Abfolge unendlicher Variationen einer trostlos gleichbleibenden Grundfigur.

 

Und so transponiert Kresnik die Handlung in die Nazi-Zeit und schafft Parallelen zum NATO-Krieg auf dem Balkan. Die Szenen zweifeln am Sinn militärischer Befehle, der U-Boot-Krieg wird mit Peitschenhieben auf eine Wasserlache simuliert, ein christlich vereidigter Militärkaplan segnet todbringende Waffen und schießt aus Spaß auf Häftlinge, betrunkene Militärjuristen fällen mit Schampus und nackten Fräulein im Arm skrupellose Todesurteile, lüsterne, sensationsgeile und pietätlose Kriegsberichterstatter huschen über die Szene, weinende Soldatenmütter appellieren an ignorante Stabsoffiziere. Und schließlich wird es politisch. Ein nackter, nur mit Stahlhelm und Sporenstiefel ausgestatteter Reiter trägt auf dem siegreichen Schimmel seine „ehrliche Haut“ zu Markte und verkündet mit einer Stentorstimme: „Wir haben den Krieg im Kosovo nicht gewollt.“

Die Reflexion des dargestellten Schuldzusammenhangs wird nicht mehr von den handelnden Figuren geleistet. Nur der Zuschauer noch kann sie, soll sie vollziehen.