von Peter Laul und Alexej A. Tschernjak

 

 

Die Philharmonische Gesellschaft bewies wieder einmal Weitsicht und Kompetenz. Die Einladung an Grigorij Sokolow in der Glocke zu spielen, setzte ein Markstein des Bremer Musiklebens. Unter der Leitung von Günther Neuhold begleitete das Philharmonische Staatsorchester den 47jährigen Pianisten bei Brahms erstem Konzert in d-Moll.

 

Sokolow ist einer der herausragenden Vertreter der Petersburger Klavierschule. Mit fünfzehn gewann er den berühmten Tschaikowskij-Wettbewerb in Moskau, und damit öffneten sich die Türen vieler Konzertsäle weltweit. Lange Zeit verkannt, braucht Sokolow heute den Vergleich mit verblichenen Star-Pianisten Vladimir Horowitz, Swjatoslaw Richter oder Umberto Benedetti Michelangeli nicht zu scheuen. Sein Äußeres, sein Naturell verleitet das Publikum nicht zu überschwänglicher Begeisterung seiner Person. In seinem Umfeld gilt der Maestro gar als Misanthrop. Erst vor kurzem Professor am Petersburger Konservatorium geworden, vergraulte er unverdient alle ihm zu Füßen liegenden Schüler. Im Grunde genommen konnte es auch nicht anders kommen. Denn Sokolow ist ein vollkommen kompromissloser Musiker. Er kennt keine Zugeständnisse. Er möchte nicht gefallen. Er zeigt keinerlei innerer Effekte. Dies ist ihm fremd. Er ist ganz Musik. Wahrscheinlich werden sich nur wenige finden, die ihm an tiefer Eindringlichkeit, am subkutanen inhaltlichen Ausloten jedes Musikstücks ebenbürtig wären.

 

Das in Bremen gespielte Brahms-Konzert erschien den Besuchern als ein gesamtes monolithisches Werk unter vollständiger Berücksichtigung und Akzentuierung kolossaler innerer Kontraste. Sokolow hielt die Zuhörer von der ersten bis zur letzten Note in Spannung, jede einzelne Sekunde forderte ganze Aufmerksamkeit. Jede Phrase, jede Note wurde nahezu erlitten. Seine präzise Tonschärfe und eine seltene Gabe, die besondere Kunst das musikalische Moment, den Takt zu treffen, rundeten das makellose Klanggebilde ab.

 

Sokolows ist ein tief melancholischer Musiker, was insbesondere während der brillant vorgetragenen Zugabe der Nokturne in cis-Moll von Chopin zu hören war. Hier kam sehr eindrucksvoll der Zustand seiner Abgeschiedenheit, der Weltfremde und Momente tiefer Bestürzung zum Ausdruck -, womöglich, aus dem tiefsten Innern der Seele des bekannten russischen Pianisten.

 

Bleibt zu hoffen, dass Grigorij Sokolow nicht zum letzten Mal in Bremen weilte und uns, womöglich noch oft, seine wundersame, ja erschütternde Kunst zu Gehör bringt.